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Bildhauer Andreas Kuhnlein im Interview

Datum:
01.08.2019

Text: Daniel Gollner, Stefan Heinisch

»Er ist so stark, wie ein Baumstamm, der wankt nicht«, so beschreibt Stefanie ihren Vater, Andreas Kuhnlein, freischaffender Bildhauer, Autodidakt, gelernter Schreiner, Denker und Schwerstarbeiter. Unbestritten wurzelt er tief im Achental, seiner Heimat Am Lindenbichl. Die intensive, zumal auch provozierende Kunst kommt aus dem Seelenboden eines kräftigen Mannes und ist eng mit den Erlebnissen der 1970er-Jahre verknüpft, als der Achentaler für den Bundesgrenzschutz tätig war. Im Zuge seiner Dienstpflicht wurde er unter anderem mit RAF-Terror, Schleyer-Entführung und Anti-Atomkraft-Demonstrationen konfrontiert. 1981 bringt ihn die Hofübernahme wieder zurück in den Chiemgau, wo er bis heute im Winter kreativ ist und ab Mai seine Ausstellungen koordiniert. Gespräch mit einem Grenzgänger, der durch die Kunst die Befreiung seines Lebens gefunden hat.

Andreas Kuhnlein erblickt im Juli 1953 das Licht der Welt, aus der Perspektive der ruhigen Alpenlandschaft des Chiemgaus. Das Geburtsjahr des Achentaler Künstlers markiert aber auch unruhige, aufwühlende Zeiten, die von Terror, Wandel, gar Revolution geprägt sind. Nach dem Tod Stalins beginnt die Entstalinisierung Russlands, ein bewegter Juni sieht die Krönung von Elisabeth II. zur Königin des Vereinigten Königreichs, aber auch den Volksaufstand in der DDR, der von der Sowjetarmee im Juni gewaltsam und mit 34 Toten blutig niedergeschlagen wird. Kuba feiert die Anfänge von Fidel Castros Revolution. Ist es möglich, dass Andreas Kuhnlein eine kleine Portion dieser globalen Energieladung mit in sein Leben nahm, oder war das alles nur Zufall. Er selbst würde diese Gedanken wohl nicht unterstützen. Als bekennender Christ hat er zwar große Probleme mit der Institution Kirche, das Neue Testament als Roten Faden für das Leben kann er sich hingegen gut vorstellen. Von Karma und Reinkarnationskonzepten hält er nicht allzu viel.

»WENN ICH DIE KUNST NICHT HÄTTE, WÄRE ICH WOHL ALKOHOLIKER  GEWORDEN«

Schreinerlehre im Alter von 14 Jahren beim »alten Kurfer« (Schreinerei Kurfer in Unterwössen). Die streng konsequente, aber auch soziale Art des Chefs wird für den Lehrling prägende Wirkung haben. Die Familie ist schon früh getrennt, da der Vater als Buchdrucker im Achental keine Arbeit findet. Er lebt fortan in München. Mit der Mutter bilden die Tante und der Opa ein starkes Familientrio, das Andreas und seinen beiden Schwestern Geborgenheit vermittelt. Der Verlust der väterlichen Identitätsfigur schneidet indessen ein sehr tiefes Loch in die Seele des Unterwössners, so als ob er jetzt mit seinen präzisen Furchen und Einschnitten, die er seinen von China bis in die USA begehrten Holzskulpturen mit der Motorsäge abringt, diesem Schmerz immer noch Ausdruck verleihen möchte.  »Die Kettensäge erlaubt es mir, den emotionalen Zustand, den ich empfinde, in relativ kurzer Zeit umzusetzen. Das wäre mit einem anderen Werkzeug nur schwer möglich«, so der begabte Künstler über seine kraftvolle Signatur, die er in körperlicher Schwerarbeit ausschließlich in vom Sturm gefällten oder kranken Achentaler Hartholzstämmen abbildet. Er braucht diesen harten Werkstoff, den Widerstand, den Kampf gegen das Material. Beobachtet man ihn bei seinem kreativen Job, dann spürt man sofort, dass er im Flow ist, ein Zustand, den der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi nach Beobachtungen bei Extremsportlern und Chirurgen als Schaffens- bzw. Tätigkeitsrausch beschreibt. Schon 1908 sprach Kurt Hahn von einer »schöpferischen Leidenschaft«, einer spielerisch-explorativen Tätigkeit. »Kunst ist ein gewaltiges Ventil, da ist alles drin, was ich in meinem Leben erfahren habe«, bringt er den Antrieb seines Schaffens konkret auf den Punkt. Vor gut zehn Jahren gestaltete Kuhnlein den Andachtsraum im Bendlerblock des Bundesverteidigungsministeriums in Berlin. Unter dem Titel »Zerklüftete Antike« präsentierte er 2016 seine Werke in der Münchner Glyptothek. Sechszehn extra dafür geschaffene, zerklüftete Holzskulpturen wurden den antiken Meisterwerken gegenübergestellt.

»10 GRAD MINUS IST DIE IDEALE ARBEITSTEMPERATUR«

»Der Inhalt meiner Kunst zeigt die Meinung, die ich vom Menschen habe«, determiniert  der wache und stets kritische Geist den Schaffensprozess seiner Skulpturen. Ihn fasziniert das Bipolare im Menschen. Einerseits die Sanftmut, Verletzlichkeit und andererseits auch dieses enorme Gewaltpotential, das in allen Homo sapiens schlummert. Das ist der Stoff, aus dem sein Werk geschaffen ist. Die große, künstlerische Wende wird durch ein Interview initiiert, das der Intendant August Everding mit dem damaligen Kardinal und späteren Papst Benedikt XVI. 1996 führte. Angesprochen auf die Inquisition erwiderte der Kardinal, der lange Jahre seinen Urlaub in Unterwössen verbrachte, dass diese nach damaligem Recht legitimiert gewesen sei. Ein moralisches Statement kommt ihm dabei nicht über die Lippen, was bei Kuhnlein völliges Unverständnis und großen Ärger hervorruft. Das beeindruckende Werk, das daraufhin in einem emotionalen Ausnahmezustand entsteht, nennt er in Anlehnung an Ratzingers Aussage »Großinquisitor«. Dass er die Skulptur eine Zeit lang brennen lässt, verunsi-chert die ganze Familie, ist aber auf seine gedankliche Verbindung »Inquisition – Feuer – Verbrennen« zurückzuführen. »Da wusste ich, dass ich meinen Stil gefunden habe. Ich habe fortan nie wieder was anderes gemacht«, so der Achentaler.

»WENN ICH LÄNGER ALS ZWEI WOCHEN WEG BIN, DANN ZIEHT SICH BEI MIR DER BAUCH ZAM«

Die Kulturlandschaft prägt die Menschen und so ist es nicht verwunderlich, dass auch Andreas Kuhnlein vom Barock, der katholischen Kirche, dem Glauben beeinflusst wurde. Obwohl seine Wurzeln hier tiefer nicht gehen könnten, ist er doch froh, dass ihn sein Lebenslauf auch aus dem Tal zwischen Chiemsee und Tiroler Landesgrenze rausgetragen hat. Prägend die Zeit als junger Bundesgrenzschutzbeamter, als ihn sein Streifenweg durch das geteilte Dorf Mödlareuth (auch »Little Berlin« genannt) an der bayerisch-thüringischen Grenze führt. Erstmals erkennt der junge Oberbayer, dass die Welt nicht überall so heil ist, wie er es in der Achentaler Heimatgemeinde erleben durfte. Mit seiner Frau Angelika ist er seit 40 Jahren verheiratet. Die beiden haben heute vier Töchter und sieben Enkel. Die Familie hat für Kuhnlein große Bedeutung, will er doch die eigenen negativen Erfahrungen in jungen Jahren nicht an seine Kinder weitergeben.

»ICH STEHE UM 4:45 UHR AUF, SEIT 40 JAHREN«

Das Familienleben hat aber da seine Grenzen, wo die kreative Phase beginnt. »Beim Arbeiten braucht sich keiner sehen zu lassen, da will i mei Ruah. I schneid vier bis fünf Monat von da Früh bis auf’d Nacht, des geht nur, wenn du von etwas besessen bist«, beleuchtet er seinen puristischen, konsequenten Zugang  zur Kunst. Auch seine Frau bestätigt, dass seine ungehörige Impulsivität, oder wie sie  es beschreibt »er kann so richtig narrisch werden«, nicht immer eine Wohltat für Mitmenschen und das familiäre Umfeld ist, »aber«, meint sie weiter, »es ist gut für seine Arbeit, wenn er in Rage ist, dann erschafft er außergewöhnliche Werke«.