Auf a Wort im Achental mit Brigitte Meier
“Wenn einen der ‚Oimvirus‘ packt, dann geht man immer wieder auf die ‚Oim‘. Diese Aufgabe ist mein absoluter Traumjob.”
Brigitte Meier aus Oberwössen führt seit Mitte Juni 2025 die Geschäfte des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern e.V. (AVO). Der Verein wurde 1947 gegründet und hat knapp 2000 Mitglieder in den Landkreisen Berchtesgadener Land, Traunstein, Rosenheim, Miesbach, Bad Tölz-Wolfratshausen bis Garmisch-Partenkirchen. Der Sitz der Geschäftsstelle ist in Holzkirchen. Brigitte Meier verbrachte fünfzehn Sommer als junge Sennerin in den Chiemgauer, Berchtesgadener und Salzburger Bergen. Zuletzt arbeitete Brigitte Meier vier Jahre in der Verwaltung des Rinderzuchtverbandes Traunstein.
Dieses Interview gibt es auch als Podcast zum Anhören:
Liebe Brigitte, was ist die Aufgabe des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern? Wer sind die Mitglieder?
Der Almwirtschaftliche Verein ist der Zusammenschluss aller oberbayerischen Almen und Bergbauern. Es ist ein riesiges Gebiet von Berchtesgaden bis Garmisch, das 709 Almen umfasst. Im Sommer werden ca. 21.000 Rinder, 450 Pferde, 2800 Schafe und 500 Ziegen aufgetrieben, die entweder von unseren Sennerinnen und Sennern betreut werden oder von den Bauern selbst.
Die Aufgaben des AVO sind in erster Linie die Vertretung der Interessen der Alm- und Bergbauern gegenüber Politik, Verbänden, Behörden und natürlich auch der Öffentlichkeit, also Medienarbeit. Dann die Mitwirkung, Ausarbeitung und Umsetzung von neuen Gesetzen, die die Berg- und Almbauern betreffen. Zusätzlich die Beratung und Unterstützung unserer Mitgliedsbetriebe, wenn es um die Ausübung der Heim- und Almweiderechte geht. Sehr wichtig ist auch die Unterstützung bei der Suche nach Almpersonal, Almstellen und Almweidemöglichkeiten für Pensionsvieh. Eine umfangreiche Aufgabe ist auch die Organisation und Durchführung der Almbauerntage, Almwanderungen, Begehungen, Lehrgänge und Fachvorträge. Im Frühjahr haben wir immer unseren großen Almlehrkurs in Bad Feilnbach. Dann auch die Ehrung von verdientem Almpersonal und nicht zuletzt die Publikation der Fachzeitschrift ‚Der Almbauer‘, die 11x im Jahr erscheint.
Die Mitglieder unseres Vereins sind hauptsächlich die Almbauernfamilien, aber auch viele Sennerinnen und Senner, Oimerer und Hirten und auch Freunde und Unterstützer der Almwirtschaft.
Wie bist du als Sennerin auf die Alm gekommen?
Ich bin durch einen Schicksalsschlag auf die Alm gekommen. Mein Freund ist damals tödlich verunglückt. Dann hat sich alles in meinem Leben verändert und ich bin Hals über Kopf auf die Alm gekommen. Die Mama meines verstorbenen Freundes hat mich einige Male mit in den Stall genommen, damit ich das Melken lerne. Irmi, meine Kollegin auf der Alm hat mir das Kasen beigebracht und alles andere, was man wissen muss. Das war absolute Glücksache – ich würde diesen Weg aber niemand so empfehlen. Im darauffolgenden Sommer war ich in Berchtesgaden auf der Alm allein. Ich habe also mühsam alles selbst erlernt – aber es war ein harter Weg.
Was hat dich überzeugt, deine aktuelle Aufgabe beim AVO zu übernehmen?
Ich habe damals davon gehört und dachte mir, ich schaue mir mal das Profil an. Mein Gefühl war, das es für mich passen könnte, weil ich so viele Jahre auf der Alm war und das Landwirtschaftliche im zweiten Ausbildungsweg gelernt habe und die administrativen Anforderungen auch vom Rinderzuchtverband her schon kannte. Die umfangreichen Aufgaben von draußen auf der Alm, über die politische Arbeit, von der Schriftleitung der Zeitung ‚Der Almbauer‘ bis zur Bürotätigkeit – das alles ist so abwechslungs- und umfangreich. Das hat mich gereizt und ich habe gedacht, ich probiere das einfach. Ich habe dann die Herren überzeugen können und sie haben erstmals eine Frau auf dem Posten eingestellt.
Wie können wir uns deinen beruflichen Alltag vorstellen?
Büro, Außentermine, Versammlungen, Almbegehungen, Besprechungen, Schriftleitung. Es ist sehr abwechslungsreich und wenn man für etwas kämpfen darf, was man liebt, dann tut man sich eh leichter.
Was hast du dir vorgenommen? Was sind deine größten Herausforderungen?
Die größte Herausforderung ist, dass wir versuchen, die Almwirtschaft so zu erhalten, wie wir sie kennen. Durch das große Höfesterben, das auch bei uns ein Thema ist, sind immer weniger Tiere da, die auf die Almen gehen. Bauern, die früher Pensionsvieh auf die Alm gebracht haben, haben heute die Nachbarflächen gepachtet. Dann stellen sie ihre Viecher daheim auf die Weide nebenan und bringen sie nicht mehr auf die Alm. Diese Tiere gehen uns auf den Almen ab. Es können auch nur Tiere auf die Alm, die weidegewohnt sind, d.h., die müssen einen Zaun als Grenze kennen, sie müssen fressen und aus einem Bachlauf oder Brunnentrog saufen können. Und friedlich und geführig sein für die Sennerin oder den Senner. Oft haben die Bauern keine Zeit mehr dafür, die Tiere weidegewohnt zu erziehen. Wenn nicht genug Viecher auf der Alm sind, dann wächst die Alm irgendwann zu und verbuscht. Und wenn eine Alm einmal verloren ist, dann ist nicht nur die Artenvielfalt und die Fläche weg, sondern auch ein großer Erholungsraum für Einheimische und Gäste. Wir Menschen können das viele Gras auf den Almen nicht verwerten.
Wie sehr hilft dir deine Erfahrungen als Sennerin bei deiner aktuellen Aufgabe?
Ich habe immer Kühe mit auf der Alm gehabt. Kühe auf der Alm heißt, dass man sie in der Früh melkt und auch einen Kas macht. Und alles, was sonst noch dazu gehört. Es ist also sehr von Vorteil für meine aktuelle Aufgabe, dass ich weiß, von was ich rede. Ich bin immer mit Leib und Seele Sennerin gewesen. Die Rückmeldungen, die ich von den Almbauern bekomme, sind sehr wertschätzend und dankbar. Ich war selbst fünfzehn Sommer auf der Alm, habe die landwirtschaftliche Ausbildung auf dem 2. Bildungsweg gemacht und war als Betriebshelferin ein paar Winter auf den Höfen unterwegs im Stall und zuletzt vier Jahre beim Rinderzuchtverein in Traunstein. Ich bin also keine Theoretikerin, sondern ich weiß, von was ich rede. Alles, was ich irgendwann mal gelernt habe, macht jetzt einen Sinn und ich kann das alles anwenden.
Findest du noch genügend Zeit zum Wandern auf unseren Almen?
Die Zeit nehme ich mir oder ich versuche, sie mir zu nehmen. Ich bin halt jetzt viel unterwegs, das Gebiet von Berchtesgaden bis Garmisch ist groß. Aber ich habe ja den Vorteil, dass ich bei mir daheim in Oberwössen von der Haustür aus losgehen und auf den Berg gehen kann. Die anderen Almen sollte ich auch nach und nach kennen lernen – ich bin dran.
Was bedeutet für Dich Heimat?
Heimat bedeutet für mich vor allem Berge, Almen und Seen. Ich bin aus Oberwössen und wenn man mitten in Oberwössen steht und sich um die eigene Achse dreht, dann sind ringsum nur Berge zu sehen. Wenn man aber auf die Berge hochgeht, dann sieht man die Weite und auch den ChiemseeDer Chiemsee ist der größte See Bayerns und wird oft als „Bayerisches Meer“ bezeichnet. Er liegt im Chiemgau und ist ein beliebtes Ziel für Badegäste, Wassersportler und Ausflügler.. Wenn ich wo anders bin, dann sehe ich oft von anderen Bergen aus die markante Hochwand von Oberwössen und ich denke: Da ist Oberwössen, da bin ich daheim. Aber Heimat ist für mich auch immer da, wo man sich daheim fühlt, wo man sein darf, wie man ist, ohne sich zu erklären. Auch alle Almen, auf denen ich als Sennerin war, waren für mich auch immer Heimat und sind es auch immer noch. Aber ich bin eine waschechte Oberwössnerin und werde das auch immer bleiben.
Was ist für dich „Typisch Achental“?
Typisch sind für mich die wunderschöne Landschaft, die Berge und die Ache und die Seen. Wenn man von draußen ins Tal reinfährt und die zwei Berge sieht – den Hochgern und die Hochplatte. Da weiß ich, zwischendrin ist das Achental. Typisch für unsere Region ist auch, dass die Vereine so aktiv sind in den einzelnen Ortschaften und dass die Orte so einen Zusammenhalt haben. Wir Achentaler sind anders, aber es ist ein ganz besonderer Menschenschlag.
Wo ist dein Lieblingsplatz im Achental und warum?
Mein Lieblingsplatz ist die Rechenbergalm. Da war ich als Kind schon oben zusammen mit meiner Tante. Während meiner Zeit beim Rinderzuchtverband war ich auch für den Rechenberg zuständig. Ich freue mich immer, wenn ich Zeit habe hochzugehen, eine gute Brotzeitherzhafte Zwischenmahlzeit (z. B. Brot, Speck, Käse) beim Hubert bekomme, die Aussicht genießen und auf Oberwössen heimschauen kann und dann immer glücklich heimgehe.
Welches ist dein liebster Brauch oder deine liebste Tradition?
Meine liebste Tradition ist das Christkindlschießen der Gebirgsschützenkompanie Wössner Achental. Da bin ich Marketenderin seit vielen Jahren. Wenn diese beiden Termine am 24. Dezember in Oberwössen und UnterwössenOberwössen und Unterwössen sind Ortsteile der Gemeinde Unterwössen im Achental. Sie liegen idyllisch im Tal und bieten Zugang zu zahlreichen Wander- und Freizeitmöglichkeiten. vorbei sind, dann weiß ich: Jetzt ist Weihnachten.
Was ist ein perfekter Tag für dich im Achental und im ChiemgauDer Chiemgau ist eine Urlaubsregion in Oberbayern zwischen Alpen und Voralpenland. Sie ist bekannt für ihre vielfältige Landschaft mit Bergen, Seen und traditionellen Dörfern. Besonderheiten: Nähe zum Chiemsee vielfäl…?
Ein schöner Tag im Achental ist für mich, wenn ich bei schönem Wetter Berg gehen kann, da oben schöne Fotos machen kann von der Alm, den Viechern und den Blumen. Wenn ich dann da oben die Aussicht genießen kann und eine gute Brotzeit bekomme. Mehr braucht es nicht.
Welches ist dein bayerisches Lieblingswort? Und was bedeutet es?
Mein bayrisches Lieblingswort ist ‚ubutzt‘. Die Oma hat zu uns immer gesagt: „Heit bist aber ganz schön ubutzt“. Das heißt ganz schön ungezogen, nicht ganz folgsam, etwas ungut, frech.
Kurze Fragen zu Kulinarik in Bayern:
Bosna oder Weißwurst? Bosna
Leberknödel oder Spinatknödel? Spinatknödel
Schweinsbraten oder Chiemseerenke? Chiemseerenke
Berggehen oder Bergradeln? Berggehen
Berggipfel oder Bergsee? Berggipfel
Alpinski oder Nordicski? Weder noch.
Was ist Dein Lebensmotto?
Geht nicht, gibt’s nicht.






