Auf a Wort im Achental Podcast

Auf a Wort im Achental mit Claus Rathje

Unser Dorfladen ist ein wichtiger Teil der Daseinsvorsorge. Manche bezeichnen ihn sogar als das Herz der Gemeinde.

Der Dorfladen Schleching ist viel mehr als ein Geschäft. Er ist Nahversorger, Treffpunkt und ein Gemeinschaftsprojekt, das von engagierten Menschen getragen wird. Seit Anfang Juli 2026 gibt es dort ein neues Selbstbedienungskonzept, das Einkäufe auch außerhalb der bisherigen Öffnungszeiten ermöglicht. Wie es dazu kam, wie das funktioniert und warum sich so viele Menschen für den Dorfladen einsetzen, darüber haben wir gesprochen mit Claus Rathje, Apotheker in UnterwössenOberwössen und Unterwössen sind Ortsteile der Gemeinde Unterwössen im Achental. Sie liegen idyllisch im Tal und bieten Zugang zu zahlreichen Wander- und Freizeitmöglichkeiten., der den Dorfladen SchlechingSchleching ist eine Gemeinde im Achental und bekannt für ihre ursprüngliche Natur, traditionelle Bauweise und ruhige Lage. seit seiner Gründung vor 13 Jahren im Beirat begleitet.

Gemeinsam mit Martina Hammerl-Tiefenböck ist er heute Gesellschafter des Dorfladens. In enger Abstimmung mit dem Beirat als Vertretung der Kundinnen und Kunden und dem Team achten sie gemeinsam darauf, den Laden im Sinne der Dorfgemeinschaft und zugleich wirtschaftlich nachhaltig zu führen.

Seit Anfang Juli können Kundinnen und Kunden auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten im Dorfladen einkaufen. Wie ist die Idee dazu entstanden?
Wir haben jetzt von Montag bis Sonntag durchgehend von 7 bis 22 Uhr geöffnet. In den vergangenen Jahren sind unsere Kosten kontinuierlich gestiegen – vor allem im Personalbereich durch die gesetzlichen Erhöhungen des Mindestlohns. Gleichzeitig ist unser Umsatz weitgehend gleich geblieben. Deshalb mussten wir ein Konzept entwickeln, mit dem wir den Dorfladen attraktiver machen und einen größeren Kundenkreis erreichen können.  Daraus ist die Idee der erweiterten Einkaufszeiten entstanden. Um die Nahversorgung in Schleching- es gibt nur noch in Ettenhausen einen vergleichbaren Laden – und den Fortbestand des Dorfladens langfristig zu sichern. Dann haben wir begonnen, uns bereits laufende und funktionierende Konzepte anzusehen- und, ganz wichtig für uns, auch die fachliche Unterstützung des Bundesverbandes der Dorfläden hinzugeholt.

Wie funktioniert das Selbstbedienungskonzept genau? Wer kann den Service nutzen und wie fällt euer erstes Fazit nach den ersten Wochen aus?
Außerhalb der personalbesetzten Öffnungszeiten erhält man mit einer Bank- oder Kreditkarte über ein Zutrittsterminal Zugang zum Laden. Die ausgewählten Waren scannt man anschließend selbst an der Kasse. Obst und Gemüse können dort gewogen oder nach Stückzahl eingegeben werden. Bezahlt wird in erster Linie mit Karte. Sollte technisch etwas nicht funktionieren, steht zusätzlich eine Vertrauenskasse zur Verfügung.

Im Juli und August – da war natürlich auch Hochsaison – waren wir wirklich erfreut darüber, wie unerwartet gut das neue Angebot angenommen wurde. Die anfänglichen technischen Schwierigkeiten konnten wir lösen, und uns haben sehr viele Rückmeldungen der Kundinnen und Kunden erreicht. Diese waren durchwegs positiv. Viele sind begeistert von der neuen Möglichkeit, bei uns auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten einzukaufen.

Du engagierst dich gemeinsam mit vielen anderen ehrenamtlich für den Dorfladen. Was motiviert dich persönlich und warum lohnt sich dieses Engagement?
Da ist zum einen die vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit im Beirat und mit unserem Team – diese gemeinsame Arbeit macht wirklich Freude. Zum anderen freut mich zu sehen, dass unser Engagement etwas bewirken kann. Wenn das Angebot angenommen wird, kann der Dorfladen dauerhaft erhalten bleiben und weiterhin ein wichtiger sozialer Treffpunkt sein.

Wir freuen uns sehr über die in den vergangenen Monaten verstärkt entstandene positive Sichtweise und konstruktive Unterstützung durch die gewählten Vertreter der Gemeinde. Zu wissen, dass unsere Arbeit und die Bedeutung des Dorfladens für Schleching nun auch dort gesehen und anerkannt werden, gibt uns zusätzlichen Rückenwind, den Dorfladen gemeinsam weiterzuentwickeln.

Was macht den Dorfladen Schleching besonders? Was erwartet Einheimische und Gäste, die bei euch einkaufen? Welche regionalen Erzeuger beliefern euch?
Das Besondere beginnt schon bei der Struktur: Unser Dorfladen ist kein gewöhnlicher, rein gewinnorientierter Gewerbebetrieb. Er wird als UG geführt, ist vom Grundgedanken her aber ähnlich wie eine Genossenschaft aufgebaut. Getragen wird er von Bürgerinnen und Bürgern, die sich mit Anteilen beteiligt haben. Und natürlich hoffen wir, dass künftig noch weitere Unterstützerinnen und Unterstützer hinzukommen.

Der Dorfladen Schleching ist ein Vollversorger – also ein kleiner Supermarkt, in dem man alles findet, was man für den täglichen Bedarf braucht. Besonders wichtig ist uns ein vielfältiges Sortiment auch mit regionalen Produkten. Dazu gehören unter anderem Backwaren der Bäckerei Pretzner aus Reit im Winkl, Käse aus Kössen und Schwendt, Erzeugnisse der Mühle St. Johann bei Siegsdorf sowie Naturprodukte der Familie Wehweck-Loidl aus Mühlau. Außerdem führen wir Produkte aus dem Schlechinger Imkerladen, Kaffee vom Holzfuchs in MarquartsteinMarquartstein ist ein Luftkurort im Achental und ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen, Bergtouren und Naturerlebnisse., Bioteaque-Tees aus Traunstein und heimisches Wild vom Forstbetrieb Ruhpolding der Bayerischen Staatsforsten. Gerade in den Sommermonaten bieten wir außerdem Grillfleisch von der Metzgerei Gründler in Kössen an, was sehr gut angenommen wurde.

Warum ist der Dorfladen für Schleching und das Achental so wichtig? Und was wünschst du dir für seine Zukunft?
Unser Dorfladen ist ein wichtiger Teil der Daseinsvorsorge – für Einheimische, Kinder und Familien, Seniorinnen und Senioren und natürlich auch für unsere Gäste. An Sonn- und Feiertagen sowie in den Abendstunden kommen außerdem Menschen aus den Nachbargemeinden zu uns, um noch das eine oder andere einzukaufen. Gleichzeitig ist der Dorfladen weit mehr als nur eine Einkaufsmöglichkeit: Hier kommt man zusammen, trifft sich und kommt ins Gespräch. Selbst während der Zeiten ohne Personal ist man im Laden tatsächlich nur selten allein. Für die Zukunft wünsche ich uns und der Gemeinde Schleching deshalb, dass die Menschen dieses Angebot weiterhin so gut annehmen, damit uns der Dorfladen als Nahversorger und sozialer Treffpunkt erhalten bleibt.

Was bedeutet für dich Heimat?
Heimat ist für mich Ort und Gefühl zugleich: Zu wissen, an welchen Platz man gehört, Vertrautheit zu empfinden, die Menschen zu kennen und die Landschaft zu lieben. Heimat bedeutet für mich auch, dass sich all das ganz selbstverständlich anfühlt und doch nicht beliebig ist.

Was ist für dich „Typisch Achental“?
Das ist für mich, wie sich die Landschaft immer wieder anders zeigt und doch vertraut bleibt. Sei es im Frühjahr, wenn ich jedes Mal aufs Neue begeistert bin, wie das helle, frische Grün die Berge hinaufwandert, oder an einem nebligen, grauen Herbst- oder Wintertag an der Ache, wenn sich alles nur in Schwarz und Weiß präsentiert. In diesen wechselnden Stimmungen zeigt sich unsere Heimat immer wieder neu und doch unverwechselbar.

Wo ist dein Lieblingsplatz im Achental und warum?
Das ist ein kleiner Fels, ungefähr 150 Meter oberhalb der Mettenhamer Filz. Den kann ich von daheim aus in etwa 20 Minuten zu Fuß erreichen. Wenn ich dort sitze, reicht mein Blick auf der einen Seite von der Gscheurerwand über den Geigelstein bis hin zum Weitlahner. Im Hintergrund der Kaiser und vor mir das Schlechinger Tal. Ein Ort, an dem der Blick weit und die Gedanken ruhig werden.

Welches ist dein liebster Brauch oder deine liebste Tradition?
Das ist etwas, das im ersten Moment vielleicht gar nicht so auffällt: dass man sich einfach grüßt und damit erkennen lässt: „Hallo, schön, dass wir uns begegnen.“ Ein Lächeln unterwegs oder das, was man bei uns „deiten“ nennt – aus dem Auto heraus kurz die Hand zu heben, auch wenn man sich nicht gut, aber doch immerhin kennt. Eine kleine Geste, ein schöner Brauch.

Was ist ein perfekter Tag für dich im Achental?
Ich möchte dafür gar keinen Tag mit Wochenend und Sonnenschein konstruieren. Siegmund Freud hat einmal gesagt: „Wir sind so eingerichtet, dass wir nur den Kontrast intensiv genießen können, den Zustand nur sehr wenig.“ Nach einem unscheinbaren oder vielleicht sogar durchwachsenen Tag kann es für mich genügen, am Abend eine Runde laufen zu gehen. In dieser Zeit sortiert sich vieles. Der Tag selbst hat sich nicht verändert, wohl aber der Blick darauf. So kann am Ende doch noch alles stimmig werden.

Welches ist dein bayerisches Lieblingswort? Und was bedeutet es?
Das ist für mich das Wort „udei“. Es klingt fast wie ein Fremdkörper im Bayerischen, obwohl es sich sogar in der entsprechenden Literatur zurückverfolgen lässt. Heutzutage wird das Wort etwa im Sinne von unhandlich, unangenehm oder unfreundlich gebraucht. Vor langer Zeit habe ich das zum ersten Mal gehört, als ich einer Mitarbeiterin einen Auftrag gab und sie lächelnd sagte: „Chef, des is etz fei scho udei.“

Kurze Fragen zu Kulinarik in Bayern:
Bosna oder Weißwurst? 9:1 für die Weißwurscht
Leberknödel oder Spinatknödel? Spinatknödel, unbedingt mit Salat
Schweinsbraten oder Chiemseerenke? Krustenbraten und ein dunkles Bier, am liebsten in Mettenham

Berggehen oder Bergradeln?                      
Alles zu seiner Zeit: Auf den Berg am liebsten zu Fuß. Eine späte Leidenschaft ist für mich aber auch das Biken, bergab mit dem richtigen Material auf den richtigen Trails.

Berggipfel oder Bergsee? Berggipfel immer, Bergsee, wenn denn einer da ist.

Alpinski oder Nordicski? Touren- und Langlaufski

Was ist dein Lebensmotto?
„Bevor i mi aufreg, is mir’s lieber wurscht.“ Natürlich ist mir vieles nicht wurscht. Aber ich denke, man kann sich auch kümmern, ohne sich aufzuregen.