Abschlussbericht: Vom Wintersport zum Ganzjahrestourismus im Achental
Unterwössen, 09. 03. 2026 – Schneereiche Winter werden in den Alpen seltener. Der Klimawandel stellt viele bayerische Urlaubsregionen vor die Frage, wie sie ihre Abhängigkeit vom Wintersport verringern können. Auch im Achental beschäftigt man sich seit Jahren mit dieser Entwicklung. Ziel ist es, die Tourismuswirtschaft langfristig zu stabilisieren und Gäste ganzjährig für unsere Region zu begeistern.
Im Rahmen eines Forschungsprojekts wurde der Achental Tourismus gKU von der Ludwig-Maximilians-Universität München als Praxispartner ausgewählt. Nach erfolgreicher Bewerbung um eine Förderung des Bayerischen Zentrums für Tourismus e.V. erhielten M.Sc. Pauline Metzinger und PD Dr. Philipp Namberger den Zuschlag für die Durchführung der Studie.
Die Studie analysiert den Transformationsprozess von bayerischen Wintersportdestinationen und ihren Akteuren im Kontext des Klimawandels. Die beiden Partnerdestinationen Achental im Chiemgau und Bayrischzell wurden ausgewählt, da ihre unterschiedlichen Entwicklungspfade zwei komplementäre Perspektiven in das Projekt einbringen. Die beiden Beispiele sollen das Verständnis für den Anpassungsspielraum und -dynamiken auf Akteurs- und Destinationsebene vertiefen und damit einen Beitrag zur Diskussion über die Klimawandelanpassung in touristischer Hinsicht liefern. Befragt wurden im Achental und in Bayerischzell insbesondere Leistungsträger, Tourist-Informationen sowie Verwaltungsvertreter. Jetzt liegt der Abschlussbericht vor. Die wichtigsten Ergebnisse fassen wir hier zusammen.
Achental leitete den Wandel frühzeitig ein
Die Untersuchung zeigt deutlich: Das Achental hat den Wandel frühzeitig eingeleitet. Anders als viele andere Regionen hat das Achental den Wintersport nie massiv ausgebaut. Der Ausbau größerer Skigebiete – etwa am Geigelstein – wurde nicht weiterverfolgt. Diese Entwicklung wird von den Befragten heute überwiegend positiv bewertet. Sie ermöglichte es, das „Rad“ nicht zurückdrehen zu müssen, sondern Schritt für Schritt ein ganzjähriges Angebot aufzubauen.

Auf Schnee im Winter – im Bild der Geigelstein – kann man sich immer weniger verlassen. Das Achental hat daher schon früh und erfolgreich den Wandel hin zum Ganzjahrestourismus eingeleitet, wie eine Studie von Forschenden der LMU München jetzt bestätigt.
Bergbahnen im Wandel
Die Hochplatte bei Marquartstein hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vom klassischen Skiberg zu einem ganzjährigen Aussichts- und Ausflugsziel entwickelt. Der Skibetrieb wurde bereits in den 1990er-Jahren eingestellt, der Sessellift bringt jedoch weiterhin Besucherinnen und Besucher auf den Berg. Anstelle eines reinen Skigebiets entstand Schritt für Schritt ein vielfältiges Freizeitangebot: Aussichtspunkte, gastronomische Angebote, Themenwege, Spiel- und Naturerlebnisse, Mountainbike-Möglichkeiten sowie Startplätze für Drachen- und Gleitschirmflieger. Bei ausreichender Schneelage ergänzen zudem eine Rodelbahn und weitere Winterangebote das Angebot. Zur Stabilität des Betriebs trägt auch die gemeindliche Organisationsform bei. Der Betrieb ist auf Kostendeckung ausgerichtet und nicht auf Gewinnmaximierung. Kleinere Ortslifte wie der Steinrückenlift und der Balsberglift werden weiterhin ehrenamtlich betrieben, damit Kinder bei ausreichender Schneelage das Skifahren erlernen können. So bleibt Wintersport im Achental auch künftig im kleinen, ortsnahen Rahmen erhalten.
Neue Akteure und Angebote
In beiden untersuchten Regionen sind neue Anbieter hinzugekommen, etwa im Bereich Radverleih, -handel oder Bergsport. Auch im Achental zeigt sich Potenzial bei geführten Angeboten, Veranstaltungen und Rahmenprogrammen für Gruppen oder Firmen. Wichtig ist laut Studie, alternative Aktivitäten nicht als „Schlechtwetter-Programm“ oder „Plan B“ zu vermarkten, sondern als eigenständige, attraktive Erlebnisse. Viele Gäste suchen gezielt Naturerfahrungen und wünschen sich dabei zunehmend geführte Angebote.
Anpassungen bei Skischulen und Handel
Weil die Schneesicherheit fehlt, reagieren die Skischulen und -vereine flexibel: Kurse werden bei Bedarf in schneesichere Gebiete verlegt, Organisation und Ausrüstungsverleih bleiben im Tal. Sporthandel und Verleih setzen verstärkt auf flexible Personalmodelle und ein risikobewusstes Warenmanagement. Trends wie Winterwandern oder funktionale Outdoor-Bekleidung gewinnen an Bedeutung.
Beherbergung hat sich verändert
Die Analyse von Beherbergungs- und Gastronomiebetrieben zeigt, dass demografischer Wandel, fehlender Generationswechsel, Investitionsmangel und veränderte Gästeerwartungen die Anpassung an den Klimawandel meist überlagern; Schließungen erfolgen also nicht zwangsläufig klimabedingt. Neu hinzugekommene Unterkunftsanbieter planen meist von Beginn an einen ganzjährigen Betrieb und sind mit weniger saisonabhängigen Konzepten wie Workation, Familien- und Gesundheitsangeboten erfolgreich. Gemütliche Aufenthaltsräume, Kamine, Saunen oder gut ausgestattete Selbstversorgerküchen werden gerade in der Nebensaison und bei wechselhaftem Wetter geschätzt.
Starke Rolle der Destination
Entscheidend ist auch die Rolle der jeweiligen Destinations-Management-Organisation (DMO), also der Tourist-Infos des Achentals und von Bayrischzell. Die Forschenden betonen: „Die DMO übernimmt eine zentrale Steuerungs- und Vermittlerrolle bei der Transformation zum Ganzjahrestourismus: Sie entwickelt eine klare Vision und Marke, fördert die Kommunikation und Kooperation zwischen Akteuren, moderiert Konflikte und vertritt die Interessen touristischen Akteure. Zudem plant und koordiniert sie Angebote, sorgt für eine aktive Bespielung der Nebensaison, entwickelt Schlechtwetterprogramme und initiiert Kooperationen zwischen Hotels, Skischulen, Bergguides und Kleinvermietungen.“
Hier zeigen die Studienergebnisse wesentliche Unterschiede: „In Bayrischzell ist die Schlüsselrolle auf mehrere Akteure verteilt, im Achental hingegen liegt sie deutlich beim Destinationsmanagement Achental Tourismus, das als proaktiv gestaltender Akteur auftritt. Es fällt auf, dass keine einzelnen Unternehmen dominieren, sondern das Netzwerk auf mehrere kleine Akteure verteilt ist.

Der Achental Tourismus in Unterwössen hat eine zentrale Rolle bei der Transformation der Region hin zum Ganzjahrestourismus.
Bei den bewirtschafteten Almen und dem ÖPNV besteht Handlungsbedarf
Trotz vieler positiver Entwicklungen benennt der Bericht auch Herausforderungen. Einkehrmöglichkeiten sind für Gäste nach Wanderungen oder Touren wichtig – gerade auch in der Nebensaison und im Winter. Gleichzeitig stehen viele Alm- und Berggasthofbetreiber vor hohen bürokratischen Anforderungen. Hinzu kommt, dass Almen rechtlich nur öffnen dürfen, wenn Tiere aufgetrieben sind, was einen Winterbetrieb faktisch ausschließt. Die Forschenden empfehlen, Almwirtschaften und Berggasthöfe gezielt zu unterstützen – etwa bei der Bewältigung behördlicher Auflagen – und Öffnungszeiten besser zu koordinieren. Ziel sollte ein verlässliches, wenn auch einfaches gastronomisches Angebot sein, insbesondere in schneearmen Wintern und Randzeiten. Kritisch gesehen wird auch die Zusammenarbeit mit dem ÖPNV. Eine bessere Abstimmung und attraktivere Angebote könnten dazu beitragen, Gästen wie Einheimischen eine umweltfreundliche Mobilität zu erleichtern.
Zusammenfassung der Forschenden
Das Achental hat den Schritt vom wintersportorientierten Tourismus hin zu einem naturnahen Ganzjahresangebot frühzeitig vollzogen. Begünstigt wurde dies durch die Mentalität der Bevölkerung, die ihre Natur schätzt, sowie durch eine insgesamt geringere wirtschaftliche Abhängigkeit vom Tourismus. Heute steht die Region für ruhige, naturverbundene Outdoor-Erlebnisse über das ganze Jahr hinweg. Entscheidend bleibt, diese Stärken weiterzuentwickeln, Angebote gut zu koordinieren und gemeinsam Lösungen für bestehende Herausforderungen zu finden. Der eingeschlagene Weg wird im Bericht insgesamt als tragfähig und zukunftsorientiert bewertet – mit klaren Ansatzpunkten für die nächsten Schritte.
Den kompletten Studienabschlussbericht finden Sie unter „Aktuelles“ auf achental.com.





